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Der Heimflug

von

Helga Frien

 

"Wie geht es Ihrer Frau?" fragte Annette den Mann.
Er sah sichtbar genervt von seinem Buch auf. Antwort? Fehlanzeige.
"Kennen Sie mich nicht mehr? Ich saß auf dem Hinflug neben Ihrer Frau."
"Belästigen Sie mich bitte nicht." Er drehte sich unwirsch zur Seite und las weiter.

"Ich hatte mir Sorgen um sie gemacht wegen der Magenkrämpfe." So schnell gab Annette nicht auf.
"Hallo Schatz," schwebte plötzlich eine blonde Frau durch den Mittelgang heran.
"Da bist du ja!" sagte der Mann lächelnd. "Sie sehen also, meiner Frau geht es blendend." Er stand auf, damit sie an den Fensterplatz rutschen konnte. "Rette mich vor dieser Irren. Sie sorgt sich um deine Magenkrämpfe!"

Die Frau blickte Annette an. "Ach ja? Ich erinnere mich nicht. Vielleicht habe ich mal wieder zu viel über jede Unpässlichkeit geredet. Sollte ich mir abgewöhnen."
"Das scheint mir aber auch!" sagte der Mann gereizt. "Ich hasse es, von fremden Leuten angesprochen zu werden!"

"Ich wollte nur wissen, ob das Mittel gewirkt hat."
"Das Mittel? Habe ich zum Glück nicht gebraucht!" Die Blonde blickte gelangweilte auf die Wolken vor dem Flugzeugfenster.
Annette biss sich auf die Lippen und ging weiter. Zwei Reihen noch, dann saß sie wieder neben ihrer Freundin Swenja.

"Was ist los? Hast du Geister gesehen?"
Annette nickte. "Fast. Ich habe auf dem Hinflug mit dieser Frau da drüben geplaudert und Adressen ausgetauscht, während ihr Mann schlief. Und jetzt kennt sie mich nicht mehr!"
"Vielleicht verwechselst du sie."

"Nein, irgendwas stimmt da nicht. Die hatten drei Wochen Urlaub gebucht und nicht nur eine wie ich. Außerdem wollte die Frau sich scheiden lassen." Annette drehte sich um und beobachtete das Paar.
Viel konnte sie von der Frau nicht sehen. Nur die Hand, die...

"Das ist es!" sagte sie. "Sie hatte auf der rechten Hand eine helle Narbe. Diese Frau nicht."
"Zwillingsschwester!" sagte Swenja spontan. Annette war verblüfft. Die Frau hatte von einer Schwester gesprochen. Sie verstanden sich nicht. Aber wieso war die jetzt hier? Ein Seitensprung? Annette konnte sich nicht konzentrieren. Sie las die Überschrift in ihrer Zeitung zum dritten Mal. Die Zeitung aus Island. Sie verstand nichts. Sie zwang sich, an etwas anderes zu denken und bestellte bei der Stewardess zwei Piccolo Sekt.

"Danke für die gemeinsame Woche!" Swenja erhob ihren Pappbecher mit Sekt: "Die Woche mit dir war tausend Mal schöner als die Woche, die ich allein dort verbracht habe. Ich werde bestimmt wieder nach Island reisen."

"Ich auch!" nickte Annette - und schlug die Hand vor den Mund. "Hast du das gelesen?" raunte sie. Sie zeigte auf die Zeitung.
"Unfall auf Island," las Swenja. "Na und?"
"Lies weiter!"

"Eine unbekannte blonde Tote wurde am Fuße der Klippen von Vogelkundlern gefunden... Ja... blond. Ach, Annette, das ist ein Zufall!"
"Wahrscheinlich," sagte Annette ohne Überzeugung. "Aber ich fürchte, die Tote hat eine kleine weiße Narbe auf der rechten Hand."

2002

Helga Frien