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Das verhängnisvolle Foto

von

Marc Lehmann

 

„Schnall dich an“, forderte Marie Grünewald ihren betrunkenen Ehemann auf.
André Grünewald tastete nach hinten, griff aber daneben. Der Beifahrersitz war viel zu weit nach vorne eingestellt. Mit seinen Knien stieß er gegen das Armaturenbrett.

Marie trat das Gaspedal durch, als die Ampel vor ihnen auf Gelb sprang.
„Pa...pass doch auf“, lallte André.
Marie sah auf die Uhr. Auch die nächste Ampel sprang auf Gelb, als sie 300 Meter vor ihr waren. Wieder gab Marie Gas. Bei gelbrot brausten sie über die Kreuzung. André griff zur Handbremse.

„Lass das“, Marie schlug ihm auf die Finger.
„Du...du bringst uns um“, rief er.
„Quatsch. Du bist betrunken.“
André bekam endlich ein Stück des Gurtes zu fassen.
„D...der is ka...kaputt.“
„Na so was“, Marie grinste.

Ohne das Tempo zu drosseln fuhr sie in eine scharfe Kurve. André klammerte sich mit beiden Händen am Türgriff fest.
Marie bog von der Seitenstraße auf die sechsspurige Hauptstraße ab. Hinter ihnen ertönte das Signal eines Sattelschleppers.

Plötzlich beugte sich Marie über ihren Ehemann hinweg und öffnete die Beifahrertür. André schrie auf und kippe zur Seite. Marie bremste und die Tür schlug nach vorn. Sie drehte sich zu André um und schubste ihn aus dem Wagen. Der Sattelschlepper schrammte rechts am Wagen vorbei und riss die Tür aus der Verankerung...

Kommissar Peters lehnte mit verschränkten Armen an der Fensterbank und betrachtete das mit Sommersprossen übersäte Gesicht von Marie Grünewald.
„Kennen Sie Michael Weinberg, den Fahrer des Sattelschleppers?“, fragte er.
„Nicht das ich wüsste", antwortete sie.

Peters betrachtete zwei Fotos, die vor ihm auf der Fensterbank lagen.
„Nun... Ihre Schwiegermutter hat uns gesagt, dass sich Ihr Mann scheiden lassen wollte. Stimmt das?“, fragte er.
„Nein. Wir hatten uns versöhnt.“
„Sie hatten mit ihrem Mann einen Ehevertrag abgeschlossen. Bei einer Scheidung hätten sie mittellos dagestanden.“
„Na und?“

Peters beugte sich etwas vor.
„Kennen Sie dieses Foto?“
Peters hielt Marie ein Kindergartenfoto hin.
„Ich helfe Ihnen“, sagte er. „Das sind Sie. Da waren Sie fünf Jahre alt. Und das ist Michael Weinberg. Da war er sechs Jahre alt...“
„Mein Gott, können Sie sich noch an alle Kinder aus Ihrem Kindergarten erinnern?“, stieß Marie hervor.

Peters hielt ihr das andere Foto hin, auf dem sie mit Michael Weinberg engumschlungen auf einer Bank saß.
„Das haben wir bei der Hausdurchsuchung auf der Digitalkamera von Herrn Weinberg gefunden.“
„Ich verlange einen Anwalt“, zischte Marie und starrte auf den Fußboden.

Dann hob sie den Kopf.
„Wie sind Sie darauf gekommen?“, fragte sie.
Peters lächelte.
„Michael Weinberg hat von klein auf eine Verbrecherkarriere hingelegt. Und Ihre Sommersprossen waren früher so auffällig wie heute.“
„Wie meinen Sie das?“

Der Kommissar hielt Marie noch einmal das Foto aus dem Kindergarten hin.
„Sie haben mich gefragt, ob ich mich an alle Kinder aus meinem Kindergarten erinnern kann. Da, der kleine Blondschopf - das bin ich.“

Veröffentlicht in: FUNKUHR, Hamburg, Juni 2007.

Marc Lehmann