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Mein geliebter schwarzer Hut

von

Marc Lehmann

 

Ich stieg in der Station Reeperbahn mit meinem Fahrrad aus der S-Bahn nach Hamburg-Poppenbüttel. Die Bahn fuhr ab und -schwups- wirbelte mir der Fahrtwind den Hut vom Kopf, direkt auf die Gleise.

Da stand ich nun und wußte: In wenigen Minuten kommt die S-Bahn nach Neugraben.
Ich starrte auf meinen Hut im Dreck und trauerte um ihn. Ich gab ihn verloren: Meinen geliebten, schwarzen Hut!

Doch da kam ein Mann und rief: "Schnell, springen sie. Ich passe auf."
"Na toll", dachte ich. "Du paßt also auf. Das nutzt mir ja enorm."
Ich sah bereits die Schlagzeile in der Bildzeitung: "Hut gerettet, Besitzer tot."
Doch der Mann rief jetzt lauter: "Schnell, springen Sie. Die S-Bahn kommt."
Ich hörte sie auch und dachte: "Mein geliebter Hut... - für dich riskiere ich jetzt alles."

Ich stellte mein Fahrrad ab - und - sprang. Als ich mir den Hut krallte, fiel mir die Szene ein aus dem Film "Grüne Tomaten", wo der junge Buddy, auf der Jagd nach dem Hut seiner Freundin, in einer Weiche stecken bleibt und vom Zug totgefahren wird.

Ich sah in den dunklen Tunnel und der Mann rief: "Schnell, klettern Sie wieder hoch."
Ich legte meinen Hut auf den Bahnsteig und stellte fest, daß dieser zu hoch war, für einen so unsportlichen Menschen wie mich.

Plötzlich blendeten mich aus dem Tunnel heraus die Lichter der S-Bahn und ich hörte den Mann dicht an meinem Ohr keuchen, als er mich auf den Bahnsteig zog.
Die S-Bahn fuhr mit kreischenden Bremsen in der Station ein. Ich setzte meinen Hut auf und klopfte mir den Schmutz von der Hose.
Ich ordnete meine Gedanken und wartete, bis mein Herz wieder langsamer schlug.

Dann dachte ich daran, mich bei dem Mann zu bedanken, doch der war schon weg.
Schließlich suchte ich mein Fahrrad. Doch das war auch weg.

1997

Marc Lehmann