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Juli 1946von
Auf dem Bahnsteig: Was für ein Tag, denkt sie. Die Leute um mich herum heben sich stark vom Himmel ab. Es ist schwül. Eine dünne Schicht Zirrusgewölk schiebt sich vor die Sonne wie eine leichte, durchsichtige Gardine. Um mich her reden die Leute gucken die Leute gehen die Leute den Bahnsteig auf und ab: Die Welt, ins neue Gleis gesetzt, rollt wieder, muss nicht mehr innehalten. Die Umrisse sind so scharf wie die Schneiden von Messern. Selbst die immer noch bröckelnden Mauerreste des Bahnhofsgebäudes heben sich präzise und klar, sodass sie mein Auge ginge es näher heran ritzen könnten, vom Himmel ab. Wie genau konturierte Schattenrisse ziehen die Waggons an mir vorbei und über mich. Dicht, beinahe fugenlos, scheinen die Vordergründe sich an die Hintergründe zu pressen. Was für ein Tag. Unbarmherzig hält er mich an alles heran. Wohin ich auch gehe, nichts entweicht. Was für ein Tag, denkt die andere. Die Welt ist neu und schon sind alle wieder drin. Wie ich. Dabei ist das Alte nicht fort. Man lässt nur alle Anstrengungen gelten zu vergessen. Ich - Ein Gesicht taucht auf hängt sich vor die anderen Gesichter mit denen der Bahnsteig sie umgibt, verzieht den Mund - oder ist es ihrer - zu einem schmerzlichen Lächeln. Sie löscht das Gesicht indem sie sich umwendet, indem sie den einfahrenden Zug vor das Gesicht gleiten lässt. Sie hebt den Koffer an, der viel leichter ist als früher, viel leichter als damals als sie noch zusammen - Schluss! Sie umklammert ihren Koffer dass ihre Hand schmerzt. Sie konzentriert sich ganz um den Schmerz und besteigt den Zug.
Im Zugabteil: Da sitzt die eine schon im Abteil. Vielleicht kommt er ja noch, denkt sie, vermisst, und sie klammert sich an das Wort, vermisst, sie hämmert es leise in ihren Kopf, vermisst vermisst... Mit einem Schlag geht die Tür auf. Die andere setzt sich auf den einzigen noch freien Platz. Schnell hängen sich ihre Blicke am Fenster fest. Sie will nicht die Gesichter. In ihnen ist zu viel Trauer, zu viel Erschöpfung gespeichert. Bitterkeit. Auch wenn sie nicht hinsieht sie strahlen es ab. Mit zäher Behendigkeit umklammert die Frau ihr gegenüber wieder und wieder ihre Handtasche: Aus dem Augenwinkel nimmt sie es zwangsläufig wahr - sie kann nicht umhin es zu bemerken und ihre Gedanken lagern sich wie an einen haltbaren schwarzen Punkt an die Handtasche an. Die eine schaut hinüber zu der anderen, etwas arrogant wirkt sie, nun ja, ich weiß ja nicht was sie schon alles durchgemacht hat, in einem fort starrt sie aus dem Fenster hinaus, sie ist besser gekleidet als die anderen Frauen im Abteil, besser als ich. Als der Zug durch einen Tunnel fährt sieht sie das Gesicht der Frau in der Fensterscheibe: Das Kinn reckt sie hoch und ihre Lippen presst sie fest zusammen. Sie wirkt sehr entschieden, überlegt sie, sehr entschieden das abzustreifen was nicht in die Landschaft passt. Plötzlich wendet die andere sich ihr zu: Wohin fahren Sie? Die eine ist überrascht: Nach München, antwortet sie, dabei weiß sie nicht wie sie die Frage einschätzen soll - sie klang nicht unbedingt freundlich, eher harsch, doch sie enthielt eine Spur Zugewandtheit. - Ich auch, entgegnet die andere, sie nickt als habe sich etwas was sie ohnehin erwartete bestätigt, dann sieht sie erneut hinaus.
Blick aus dem Zugfenster: Sommer, denkt die andere, ein Sommer und noch ein Sommer, Mücken und Bienen fliegen herum, es ist heiß, ich trage ein leichtes Kostüm, ein kurzärmliges Jäckchen dazu. Der Weizen schon abgeerntet, die Wiesen noch grün und voller Blumen... Einen Moment lang galoppiert ihre braune, hochbeinige Stute vorbei - sie erkennt die weißen Fesseln, im Sattel sich selbst. Juli 1931, denkt sie, der Weizen abgeerntet, als ich anhalte lässt sich auf meinem weißen Handschuh eine Biene nieder - auch die Blesse meiner Stute ist weiß, auch das leichte, kurzärmlige Jäckchen das ich trage. Sie zuckt zusammen. Die eine bemerkt es und wundert sich. Ihr, der anderen, war das Flugzeug eingefallen, das Geräusch des weißen surrenden Flugzeugs am Sommerhimmel: aus der hoch um sie wachsenden Wiese plötzlich von ihr gehört, in Gerüche von wilder Kamille gehüllt, leise, traumentrückt - Juli 1923. Acht Jahre später dann - das Flugzeug - Blessie scheut, bäumt sich auf - beinahe wirft sie mich ab - in die Wiese, an den Rand der Blumenwiese, es wächst dort Mohn, ich sehe es vor mir, manche Blüten schon etwas entfärbt, entblättert. Ich beruhige Blessie, stehe neben ihr, pflücke Mohn. Reite nach Hause, auf dem kürzesten Weg - Mohn verwelkt so schnell. Meine Gedanken sind flüchtig, schaltet sich da ihre kritische Stimme ein, indem sie beim Mohn verharren fliehen sie die vorbeifliegende Zeit, sehen aus dem ratternden Zug als stände er endlos still, als sei das Fenster kein Fenster sondern ein Bilderrahmen der den Blick in sich festgehalten hat. Das Flugzeug, sagt die kritische Stimme, Juli 1944. Hier zuckt sie zusammen, hier zuckt die andere zusammen und die eine wundert sich. Wie war der Himmel, denkt die andere, war das Blau so dicht dass man hineingreifen konnte - umso mehr aus dem Flugzeug je näher man ihm kam? - 2. Juli 1944. Paul überquert in einem Wetterflugzeug die Alpen. Sein Dienstflugzeug ist nicht verfügbar. Nur das Wetterflugzeug steht bereit. Er fliegt nach Italien. Er hat geheime Papiere dabei. Er kommt nie an -
Landschaft hinter Glas: Sie öffnet die große Umhängetasche die auf ihren Knien liegt. Mit zitternden Händen, fliegenden Fingern greift sie hinein. Möchten Sie ein Stück? Hastig fragt sie, kaum hat sie die Schokolade herausgeholt, bekommt kaum das Papier aufgerissen, das Silberpapier ist schon etwas verklebt - Sie wird weich sonst, fügt sie hinzu, sie schmilzt! Die eine nimmt ein Stück, nehmen Sie nehmen Sie! sagt die andere, sie hält der einen das Silberpapier fast an den Mund - Die beiden sind jetzt allein im Abteil und die eine wundert sich erneut, der unausweichliche Nachdruck der anderen Frau hält sie an zu essen. Was war los mit dieser Frau? Starr und unvermittelt erscheint sie ihr, als könnte sie Stunden um Stunden verharren in ein und derselben Position, um dann plötzlich aufzuspringen, überraschend für alle, womöglich auch für sich selbst - Vielen Dank! Höflich nickt sie der anderen zu. Ich habe so lange schon keine Schokolade mehr gehabt! Meine Kinder würden sich freuen! - Ach! Die andere beugt sich interessiert ein wenig vor, Kinder haben Sie? - Ja! Zwei Jungen und ein Mädchen. Die Jungen sind fünf - Zwillinge - das Mädchen ist drei. - Kriegskinder, murmelt die andere leise vor sich hin, sieht wieder hinaus. Der Sommer, will sie gerade beginnen, da spricht die eine schon, spricht laut spricht als dulde sie keine Gegenrede: Und Sie? Haben Sie auch Kinder? - Nein! Die andere antwortet schnell und hart, sie will nicht über Kinder sprechen nicht über den Krieg - Schokolade, denkt sie als sie das letzte Stück im Mund zergehen lässt, sie will über Schokolade - Doch wieder kommt ihr die eine zuvor: Der Vater lebt vielleicht noch! sagt sie, mit dem Mund so breit wie das Lächeln wohl sein soll, denkt die andere, denn sie bemerkt dass die Augen schmaler sind als noch vorhin, schmale Schlitze in die Länge gezogen von einer hinter ihnen sitzenden Landschaft aus Schmerz, wie eine dieser Landschaften hinter Glas vor denen es wenn man schüttelt schneit... Vermisst! lächelt die eine, seit zwei Jahren vermisst! Seit dem 2. Juli 1944. Die andere zittert, streicht sich die Haare aus dem Gesicht, streicht sich in einem fort die Haare aus dem Gesicht, setzt sich dann, mit einem Ruck, aufrecht, spricht und spricht so laut dass sie schreit, ja, denkt die eine, beinahe schreit sie: Es ist heiß heute, schreit sie, was für ein Tag! Was für ein Sommertag! Ja. Die eine schweigt. Die Bienen sind unterwegs, setzt die andere fort, der Weizen abgeerntet! Schauen Sie doch hinaus - während sie spricht kehrt sie sich dem Fenster zu - die Wiesen so grün und hier - der Zug hat nun seine Geschwindigkeit herabgesetzt und sie deutet auf die neben den Gleisen aufgeschüttete Böschung - Mohn, wilder Mohn!
Blick aus dem Zugfenster: Der Zug fährt schneller, da erscheint - die eine sieht es zuerst - ein weißes Flugzeug am Rand des Abteilfensters, auch die andere hat es jetzt entdeckt, es fliegt ihr in den Mund und verstopft den Hals. Jedes neue Wort ist ihr versperrt. Die eine aber redet wieder, ihr Mund ist geschrumpft die Augen größer geworden: Ein Flugzeug! stammelt sie, sein Lebenszeichen! Immer wenn ich ein Flugzeug sehe denke ich er winkt mir von ferne zu... Nicht mehr lange, sagt er, nicht mehr lange und ich komme zurück! Am 2. Juli 1944 ist er als Navigator des Wetterflugzeugs XC 119 um 11 Uhr morgens gestartet von München über die Alpen nach Mailand. Der anderen stockt der Atem. Ihr bricht der Schweiß aus während kalte Schauer ihr den Rücken hinunter laufen. Das ist die letzte Nachricht die ich von ihm bekam, setzt die eine fort, beinahe stotternd jetzt, leiser werdend. Er ist vermisst, flüstert sie, notgelandet in den Alpen vielleicht, vielleicht schlägt er sich durch vielleicht hat er auf einer Almhütte überwintert... Sie stockt. Die andere starrt sie an. Ihr Schweigen spricht so laut dass es ihr gegen die Schläfen zu pochen scheint. Als sie jetzt den Mund öffnet ist er so trocken dass sie kaum ein Wort herausbekommt: Wie heißen Sie? Verwundert und als habe sie jemand aus einem Traum, aus einer unendlich fortsetzbaren Gedankenkette gerissen, erwidert sie leise und beinahe tonlos: Hinrichsen, Edda Hinrichsen. Und ihr Mann heißt Karl? Erschrocken reißt Frau Hinrichsen, nickend, die Augen auf. Karl Hinrichsen ist am 2. Juli 1944 auf dem Flug München - Mailand mit dem Wetterflugzeug XC 119 zusammen mit meinem Mann, Offizier von Mejering, über den Alpen abgestürzt. Ihr Mann, Frau Hinrichsen, und nun spricht Frau von Mejering so leise, dass man sie kaum verstehen kann, ist tot. Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Die Namen wurden geändert. 2006Ulrike Scheele
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