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Lucas erster Fall

von

Wolf Dubjenko

 

Plötzlich wachte er auf. Etwas war da. Ein Geräusch. In der Nähe. Luca richtete seinen Körper auf und lauschte. Nichts. Nur das Säuseln des müden Windes durchs Schlafzimmerfenster. Dann wieder tictictictiiiic. Ach so. Das Handy! Hilfe, sie müssen mir helfen, mein Gott, endlich erreiche ich jemanden, stöhnte eine fremde Stimme, sie müssen mir helfen, ich werde noch wahnsinnig, ich ersticke... Das Gespräch brach ab. Das ist ein Scherz, ein übler Scherz, dachte Luca, da langweilt sich irgend ein Witzbold mitten in der Nacht und ruft ausgerechnet mich an... Wieder das Handy, die gleiche Stimme. Sie Witzbold, hörte Luca sich brüllen, verarschen kann ich mich auch alleine... Bitte, bitte, bitte hören sie mir zu, wimmerte die Männerstimme, helfen sie mir doch. Man will mich ermorden. Ich liege hier irgendwo in Ohlsdorf, in einer engen Kiste oder in einem Sarg. Bitte helfen sie mir, ich bin lebendig begraben. Ich... Das Gespräch brach ab. Jetzt war Luca hellwach. Scheiß Uralthandy, dachte er, ich habe die Nummer nicht gespeichert. Dann öffnete er das Fenster. Der Herbstwind wurde stärker, bald würde ein Sturm aufziehen. Luca wartete. Wartete auf den nächsten Anruf. Minutenlang. Aber nichts geschah. Nichts.

Das ist es! Ich werde Robert anrufen. Der ist schließlich Friedhofs- Gärtner in Ohlsdorf. Er weiß bestimmt, wo heute die letzten Beerdigungen waren. Du bist völlig durchgeknallt, sagte Robert, weißt du, wie spät es ist? Halb drei! Lebendig begraben. So etwas gibt es bei uns nicht. Wir sind in Hamburg. In Barmbek und nicht in Hollywood! Du hattest einen Albtraum. Aber wenn es deine Nerven beruhigt. Die letzte Beerdigung war recht spät. In der Nähe des Brahmfelder Sees.

Kaum hatte Robert den Platz beschrieben, war Luca schon unterwegs. Von Barmbek zum Friedhof ist es nicht weit, aber für einen viel zu dicken Mittvierziger auf einem klapprigen Fahrrad ist es fast zu weit, besonders dann, wenn der Mann einen Spaten in der Hand hält und erst recht bei Gegenwind. Merkwürdig. Das Friedhofstor war halb geöffnet. Als ob jemand erwartet würde. Das frische Grab war leicht zu finden. Die hohen Birken machten dem blassen Halbmondlicht Platz. Das fahle Licht der Straßen drang bis in den tiefsten Friedhof. Eine Taschenlampe brauchte Luca nicht. Schon stand Luca vorm frischen Grab. Wenig Kränze. Noch kein Grabstein. Hier muss es sein! Aber kalt ist es. Wie bei einer Beerdigung. Ich muss dem Mann helfen, ich muss, dachte Luca. Und er grub Luca keucht, schwitzte und stöhnte. Schon schmerzten seine Hände. Doch er grub verbissen weiter. Grub und grub. Er achtete nicht auf die Kälte und den Wind. Er ignorierte seinen schmerzenden Rücken. Er bemerkte auch nicht den Mann, der schon lange hinter ihm stand. Bald war der Sarg freigelegt. Luca kletterte noch einmal nach oben. Irgendeine Ahnung machte ihn merkwürdig beklommen und er traute sich nicht, den Sargdeckel zu öffnen.

Dann plötzlich die Hand auf seiner Schulter. Jemand stößt mich ins Grab! Ich falle! Hart schlägt der schwere Körper auf. Schmerzende Knie. Das war` s, denkt Luca. Er blickt nach oben und sieht eine dunkle Männergestalt über sich. Was will der? Angst, nur noch Angst erfüllt ihn.

Mensch, Luca, bist du unter die Vampirjäger gegangen, hörte er Robert sagen. Nein, unter die Detektive, das ist mein erster Fall, stammelte Luca verlegen. Wohl eher ein Reinfall, lachte Robert. Mann, hast du mich erschreckt. Was machst du eigentlich hier? sagte Luca. Ich wollte dir noch was Wichtiges sagen, Luca, aber du warst... Komm, Robert, lass uns keine Zeit verlieren, wir müssen den Sargdeckel öffnen.

Schweigend stiegen die Männer nun in die Grube. Mit einem Ruck wurde der Deckel geöffnet.

Luca stierte wie hypnotisiert in den Sarg. Er konnte es nicht fassen. Der Sarg war leer.

2002

Wolf Dubjenko