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Ein Ständer zu vielvon
"Tannenbäume sind eine Katastrophe" denke ich, als mir der verfluchte Baum zum dritten Mal umkippt. Ich knie neben ihm und kann nicht fassen, dass das Schicksal wieder einmal am Heiligen Abend mit ganzer Wucht zuschlägt. Wie jedes Jahr liegt der Baum auf dem Teppich. Die Weihnachtsbaumfüße, von denen ich inzwischen über ein Duzend besitze, liegen daneben. Aber keiner passt. Vielleicht sollte ich mir nächstes Jahr doch einmal eine Fuchsschwanzsäge zulegen. Obwohl ich zwei linke Hände habe und mich mit der Säge bestimmt schwer verletzen werde. In der Küche brutzelt der Braten, alle Geschenke sind eingepackt, nur der Baum steht nicht. Ich wollte den Baum nicht. Ich hasse Tannenbäume. Schon seit Jahren. Genau genommen hasse ich nicht den Baum sondern das Aufstellen. Aber die Familie hat nun mal beschlossen, dass ein Baum sein müsse.
Für meine fast erwachsenen Kinder ist die Weihnachtszeit vor allem Partyzeit. Doch auf den leidigen Baum wollen selbst sie nicht verzichten. Als ich vorschlug, dieses Jahr einen Plastikbaum zu kaufen, der sich mit einem Knopfdruck wie ein Regenschirm von selbst aufstellt, protestierten alle. Besonders die Kinder.
"Das ist Männersache" sagt meine Frau "und außerdem hat mein Vater das auch immer gemacht." Kein Problem, ich habe noch fast vier Stunden Zeit. Ich brauche den Baum nur etwas anzuspitzen, dann steht er sicher im Fuß. Eine Säge habe ich ja nicht, doch zum Glück finde ich in der Küche einige Brotmesser. Nach einiger Zeit sind die Messer alle verharzt und verbogen. Und meine Hände sehen aus, als hätte ich ohne Handschuhe als Holzfäller gearbeitet. Genauso fühle ich mich auch. Mir bleibt nichts Anderes übrig. Ich muss mit dem Fahrrad zum nächsten Kaufhaus fahren um einen richtig großen Christbaumständer zu kaufen. Genauso wie voriges Jahr. Das Kaufhaus ist fast leer. Nur wenige Kunden irren umher. Wahrscheinlich sind sie wie ich auf der Suche nach Verkaufspersonal. Wo versteckt sich das bloß? Ich habe Glück, denn ich entdecke bald drei Verkäuferinnen, die allerdings laut über die Zubereitung diverser Weihnachtsbraten diskutieren. Als ich auf sie zusteuere, bemerkt mich eine sogar. Doch statt mich zu bedienen, dreht sie mir demonstrativ ihren Rücken zu. Wirbt dieses Kaufhaus nicht mit einem Slogan, in dem der Kunde König ist? Ich kann mich also ruhig trauen, eine der Frauen anzusprechen.
"Entschuldigen sie, wenn ich sie bei ihrem wichtigen Privatgespräch unterbreche, aber könnte mich jemand vielleicht freundlicherweise bedienen?"
Die Verkäuferin grinst mich an. "Viagra gibt `s nebenan in der Apotheke."
"Tannenbaumfüße? Da hätten Sie eher aufstehen müssen, junger Mann" sagt die Verkäuferin spitz ,"der letzte ist gerade eben verkauft worden."
"Himmel, es ist gleich schon halb eins. Jetzt muss ich mich aber beeilen", denke ich," wie gut, dass ich mit dem Fahrrad gekommen bin!" Ich sprinte nach draußen. Aber wo ist das Fahrrad? Ich hab` es doch hier an dieser Ecke abgestellt. Das weiß ich genau. Die Zeit wird immer knapper. Mir bleibt nichts anderes übrig als den langen Weg zum Elektrogeschäft zu laufen, und das bei meinem Übergewicht. Völlig außer Atem komme ich endlich dort an, stürze in den kleinen Laden. "Bitte, schnell, einen Tannenbaumständer!" sage ich, als ginge es um Leben und Tod.
"Kein Problem, mein Herr", sagt der alte Verkäufer "wie groß ist unser Baum denn?"
Da. Direkt vor mir sehe ich einen Fahrradladen. Das ist die Rettung! Ich habe zwar nur fünfzig Euro in der Tasche, aber vielleicht reicht es für eine Anzahlung. "Ich hab` eine bessere Idee", sagt sie "sie kaufen für das Geld ein Schloss. Das Fahrrad dazu schenke ich ihnen. Hier, das alte gebrauchte Rad können sie umsonst mitnehmen. Es ist zwar schon leicht angerostet, aber sonst tipptopp."
Das ist ein Weihnachtswunder, denke ich, diese Frau ist ein Engel. Schon sitze ich auf dem klapprigen und rostigen Drahtesel, stolz wie ein Herrenreiter mit einer Bärenfalle in der Hand. "Stell dir mal vor, was ich erlebt hab`" sagt meine Frau, als ich in die Wohnung komme "ich habe im Kaufhaus den allerletzten Weihnachtsständer bekommen, und als ich das Geschäft verlasse, sehe ich doch tatsächlich dein Fahrrad an der Wand stehen. Natürlich nicht angekettet! Ich hab` s sofort mitgenommen. Ich weiß ja, wie vergesslich du manchmal bist... Übrigens, der Baum ist schon geschmückt."
"Der Baum schon geschmückt. Wie ist das denn so schnell möglich?"
"Ach, nichts. Das ist eine Bärenfalle. Für deinen Vater. Der ist doch Jäger, da dachte ich..." 2003Wolf Dubjenko |