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Das Glück I und II

von

Christian Lehmann

 

I.
Eine Erkenntnissgeschichte

Herr K. - nicht verwandt und nicht verschwägert mit Herrn KB - bekam eines Tages per Brief eine Einladung zur Fortsetzung einer früheren Schreibgruppe. Er freute sich wie ein Kind und hörte an Ideen dies und das. Unter anderem von der Möglichkeit, ins Museum zu gehen, sich dort anregen zu lassen und dann zu schreiben. Sich also dort; von der Muse küssen zu lassen; sich anregen zu lassen, sich auszulassen zu Themen, die die Muse uns bringt. Zum Beispiel zum Thema Glück.

Ja, Glück. Das war so etwas, was er gerade zur Zeit brauchte, was er suchte, was ihm fehlte. Was er wollte. Und er freute sich auf die nächste Stunde.

Und dann saß er da nun mit den anderen. An der Wand, liebevoll mit Blumen bemalt, stand: Wenn das Glück kommt, muß man ihm einen Stuhl hinstellen.

Er las es noch einmal. Dachte, dies Wort ist sehr schön. Das Wort ist sehr richtig. Es ist sehr weise. Und es ist doch so einfach und so leicht. Daß er darauf gerade zur Zeit, wo es ihm mal wieder nicht so gut ging, nicht von allein gekommen war! Und hörte, daß es der Titel eines Kinderbuches war. Und las es noch einmal. Und überlegte. Dachte nach.

Natürlich, nun hatte er es. Das "man" störte ihn. und so schrieb er: Wenn das Glück kommt, musst du ihm einen Stuhl hinstellen.

Nein! Das heißt: Ja. Du sicherlich auch. Aber es muß heißen: Wenn das Glück kommt, muß ich ihm einen Stuhl hinstellen

Und lange dachte er darüber nach, wie er oft daran bisher nicht gedacht hatte.

 

II.
Eine Fortsetzungsgeschichte

Herr K. wollte nun nicht mehr darüber nachdenken, wie oft er dem Glück "keinen Stuhl hingestellt" hatte. Er überlegte lange. Was konnte er tun, um sich besser daran zu erinnern?

Neulich, in einem Vortrag, hatte er den Satz gehört: das Leben findet nicht in der Vergangenheit statt.

Sicher nicht, dachte. Es findet nicht im Gestern, es findet im heute statt. Im Jetzt und Morgen, Übermorgen, Überübermorgen. Doch - denken wir immer daran? Und so stellte er sich in sein Zimmer, auch in seinem Büro, einen Stuhl. Nichts sollte darauf liegen. Niemand darauf sitzen. Denn auf dem Stuhl saß es ja schon.

Immer dann, wenn er mal wieder Rückfälle in frühere Gedankengänge hatte, sah er nun auf den Stuhl und wartete, bis ihm sein Stuhl etwas sagte. Zum Beispiel: "Du kannst doch froh sein, dass du überhaupt noch laufen kannst. Jammer nicht über die Knieschmerzen." Oder: "Sei doch froh, dass du noch arbeiten gehen kannst, eine Arbeit hast. Wie viele haben heute keine Arbeit!"

Herr K. konnte sich sein Leben nicht mehr ohne den Stuhl vorstellen. Und las sich diese Zeilen noch einmal durch. Und änderte den Titel. Er schrieb: Über die Schwierigkeiten, dem hingestellten Stuhl zuzuhören.

2001

Christian Lehmann