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Netzwerkmonopoly
Gehe über Los, kaufe einen Bahnhof und komme nicht zurück, sagte mein Sohn, als wir in seinem Kinderzimmer saßen und zum letzten Mal miteinander Monopoly spielten, bevor er mit seiner Mutter verschwand.
Heute muss ich über diesen Satz schmunzeln. Ich habe mir einen Bahnhof gekauft, zumindest einen kleinen Teil davon, den Kiosk im alten Bahnhofsgebäude einer Nachbarstadt. Und ich bin nicht zurückgekehrt. Nur Losglück hatte ich noch nie. Ich habe den Namen der Mutter meines Sohnes -viele nennen sie meine Ex oder weiß du noch die große Blonde, mit der du mal zusammen warst- auf eine persönliche Ereigniskarte geschrieben und das Stück Pappe in meiner Küche an die Pinwand geheftet, neben der Notrufnummer und der Speisekarte des örtlichen Pizzalieferanten.
Ich sehe sie an jedem Werktag. Aber sie kennt mich nicht mehr. Sie wohnt in einem Viertel der Stadt, das zwischen Straßen liegt, die ich mir nicht leisten kann. Ihr neuer Lebensabschnittsgefährte besitzt ein Hotel. Ich sehe den Schmuck, der an ihrem Hals und den Handgelenken glitzert, und vermute: Ihm gehört die ganze Schlossallee.
Mein Tag beginnt um sieben Uhr, ich öffne meinen Kiosk, verkaufe Zigaretten und Tageszeitungen und selten einige der teuren Erotikmagazine, schließe um Eins den Laden für eine kurze Mittagspause (Stammessen in Irmis Schnellimbiss) und sitze dann bis zum Beginn der Sportschau hinter meiner Kasse und versuche meinen Rekordumsatz vom 12.9.2001 in Höhe von 195,54 Euro zu überbieten. Mein komplettes Sortiment der Tageszeitungen konnte ich damals verkaufen. Nur zwei weitere Pausen sind in meiner Planung verankert. Ich verpasse keine, ich stehe hinter einem Plakat, das an meinem Schaufensters klebt, halte mich an der Wand fest, schaue mit einem Auge nach draußen und warte.
Warten muss ein Volkssport sein. Ich sehe sie jeden Tag, diese Art von Menschen, die nervös auf und ab gehen, die Uhrzeit kontrollieren, auf ihre Fahrscheine starren, sich bis zum letzten Bordstein tasten und nach vorne beugen, in der Hoffnung die runden Zuglichter zu entdecken. Ich weiß genau, wie wartende Personen aussehen.
Sie gehört nicht zu diesen Menschen. Wenige Minuten vor der Abfahrt, oft nur einige Sekunden, steht sie neben Gleis drei, blickt nicht auf ihre Uhr oder ihr Ticket. Ich kann sie mir auch nicht in dieser gebeugten Haltung vorstellen und weiß nicht wie ein nervöser Gesichtsausdruck mit ihrer Mimik aussehen könnte. Sie zeigt keine Schwächen.
Die Abstände zwischen den E-Mails von meinem Sohn wurden immer größer. Bis ich ein Spiel entdeckte. Netzwerkmonopoly. Ich schickte ihm die CD mit der Bitte um eine Partie. Ich war erstaunt, ich hatte nicht damit gerechnet, dass er Ja sagen würde. Wir spielten jede Woche, kauften Straßen, Häuser und Hotels. Mein Sohn führt mit zweiundzwanzig gewonnen Spielen. Jeder hatte seine eigene Taktik, er versuchte mit vielen Straßen, egal ob hochwertig oder nicht, seinen Gegner, also mich, zu besiegen. Ich war bemüht wenige aber teure Felder mit Häusern zu belegen.
Zahlen Sie oder gehen Sie umgehend ins Gefängnis.
Dort bin ich schon und schaue auf Gleise.
Ich habe lange überlegt, ob ich sie ansprechen soll. Sie sieht nie zurück, spürt nicht, dass ich sie beobachte. Mein Atem auf ihren Nackenhärchen. Meine Bitten an ihren Ohrläppchen. Nur einmal drehte sie sich, zog an einem Zigarillo, ging auf mein Schaufenster zu, betrachtete die Hochglanzmagazine und die Werbung einer Zigarettenfirma. Sie muss mich gesehen haben, meine Nase berührte das Fenster, das Glas beschlug, meine Hände zitterten, die Fingernägel tippten gegen die Scheibe und ich sah –der Zigarillorauch muss ihre Lunge erreicht haben- wie sie die Luft anhielt und einen imaginären Punkt irgendwo auf einer Titelseite fixierte. Heute stelle ich mir dieses Gesicht oft vor, wenn ich vor dem Glas stehe, meine Wangen sich im Fensterglas spiegeln, manchmal glaube ich, dass ihre Lippen damals lautlos eine Frage formulierten, oder sich ihre Muskeln als Zeichen ihrer Wut anspannten. Selten sehe ich in meiner Vorstellung eine Träne über ihre geschminkte Haut rollen.
Ich verschenke alles, schrieb mein Sohn. Ich verstand ihn zunächst nicht. Er meinte nicht seine Straßen und Häuser. Ich brauche das alles nicht mehr, kein Spielzeug, kein Fahrrad, kein Handy. Und ganz besonders brauche ich kein Geld. Mama redet nur noch davon.
Ich drückte auf die linke Maustaste, markierte den letzten Satz, lies ihn über den Bildschirm wandern und wusste nicht wohin. Mama. Zum ersten Mal seit der Trennung erwähnte er sie. Ich hatte nie nach ihr gefragt, eine Regel des Spiels.
Glaubst du sie ist wirklich glücklich? Ich bereute diese Frage sofort und betätigte dennoch den Knopf zum Senden der E-Mail.
Personenschaden auf Gleis sieben. Verspätung aller Züge und in meinem Leben. Genau an diesem Tag betrat sie meinen Kiosk. Sie fluchte, blickte auf ihre Uhr und warf das Ticket in den Papierkorb. Sie blätterte hektisch in Zeitschriften, ohne auf Sätze oder Bilder zu achten, und fluchte weiter. Sie ist nur eine Kundin, redete ich mir ein. Sie ist nur eine nervende, fluchende Kundin. Aus einem Meter Entfernung warf sie einen Euro auf meinen Tresen. Das Magazin in ihrer Hand kostet drei Euro, wollte ich sagen und schwieg. Eine Lautsprecheransage ertönte, sie ging wortlos zur Tür, ein Zug fuhr ein, sie drückte die Klinke zaghaft nach unten.
Glück ist kein Hotel, sagte ich forsch, mein Herz schlug gegen eine Wand tief in meiner Brust, sie zog ihre Hand zurück, das Knallen des Türgriffes fuhr durch den Kiosk. Man kann sich nicht einfach einmieten, das Glück hat Zimmernummern, die man nicht drehen kann, fuhr ich fort. Sie ging auf mich zu, griff in ihre Manteltasche und legte eine Zwei-Euro-Münze auf den Tresen. Sie blickte mich nichtssagend an und öffnete ihren Mund, doch ich kam ihr zuvor und flüsterte: Hättest du diesen Satz unserem Sohn zugetraut?
Die Stimme des Bahnwärters ertönte zum zweiten Mal aus den Lautsprechern: planmäßige Einfahrt auf Gleis drei. Der Personenschaden wurde behoben.
2006
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