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Narbe

von

Tobias Sommer

 

Ich sitze zwischen meinen Gedanken, meinen Träumen, zwischen Menschen, vielen Menschen, sitze zwischen all den toten Menschen.

Ich sitze hier seit einem Tag, körperlich, mit meinen Gedanken vielleicht schon seit meiner Geburt, vor 20 Jahren, in einer namenlosen Stadt, weit entfernt von diesem dunklen Ort. Geboren in Deutschland, erzogen von meiner Mutter, einer geschiedenen Lehrerin, in einer beengten Großstadt das Abitur erreicht, Kunstjournalismus aus halber Überzeugung studiert, immer erfolgreich und doch nie wirklich glücklich. Nur wenige Sätze von meiner Mutter, die in meinen Erinnerungen unlöschbar waren. Sie sagte, dass sie stolz auf mich sei, ich hasse Stolz. Sie glaubte, dass aus mir mal etwas wird, was hatte sie nie gesagt. Vielleicht wollte sie mich nur ermuntern, weiter zu machen, zu lernen, zu hoffen und nicht an meine Narbe zu denken. Nicht an die Narbe in mir, die kannte sie nicht, sondern an die Narbe, die sich vom rechten Nasenflügel über meine Wange, in einer hässlichen Dominanz, bis zum Halsansatz zieht. Das Andenken an einen Flug, mit 12 Jahren, nach einer Vollbremsung, durch die Frontscheibe eines Mercedes auf den Asphalt, der direkte Weg ins Nichts. Heute wünsche ich mir, dass ich damals angekommen wäre.

Wenn ich mich so umsehe, könnte man glauben ich wäre angekommen, mit 8 Jahren Verspätung.

Was ich noch mehr hasse, als das Definieren von Stolz, sind die Blicke, gewollte und ungewollte. Ich kenne niemanden, der nicht auf mein optisches Handicap starrt, es ergründen will, mit den Augen unausgesprochene Fragen formuliert.

Ich weiß, wenn ich die Richtige finden sollte, dann ich einer Buchhandlung. Ich verbringe oft Stunden dort, die Atmosphäre um mich herum, wenn ich in einem Buch blättere und gelegentlich lese, ist wie ein Sog. Es müssen die Bücher sein, die Motive auf den Coverumschlägen, die Namen unendlich vieler Autoren, die das Gefühl geben, vielleicht sogar Macht und Freiheit, etwas wahrzunehmen, etwas, das man nur schreiben und in einer kommerziellen Welt nicht mehr hören kann.

Sinnverlust, Hoffnungstod, Glücksverlangen.

Ich habe nicht mehr gehofft sie zu treffen. Sie steht neben mir, unerwartet, liest in einem Buch über Kafka, ist abwesend, blickt nicht zu Seite; ich weiß, dass ich sie gefunden habe. Ich will etwas sagen, flüstere lautlos: Bitte. Ich hasse mich innerlich, nehme ebenfalls ein Buch aus dem Regal und lese im schwarzen Nichts der Buchstaben, das kann ich. Sie dreht sich zu mir um, lächelt gestellt, ich glaube für Sekunden eine Fremde zu kennen. Ihr Lächeln dauert, für meine Erkenntnisse ungewöhnlich lange, bis sie verschwindet. Erst als sie das Geschäft bereits verlassen hat, bemerke ich meine leere, geöffnete Hand, greife panisch in meine Hosentasche. Er ist verschwunden. Ich habe in der Aufregung das getan, was ich mir vorgenommen habe, wenn ich sie finde. Ein kleiner Zettel, der seit Monaten, Jahren in meiner Kleidung wartet, hat den Besitzer gewechselt.

"Es war ein Unfall, ist die Antwort auf die Frage, die du stellen wolltest."

Und jetzt heißt es wieder warten. Aber warten wir nicht immer? Ich warte zwischen all den toten Dichtern und Denkern, die die Buchrücken um mich herum zieren, schon seit Tagen.

2004

Tobias Sommer