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U-Bahn-Tunnelfugenvon
"Verstehst du mich?" Diese Frage kam direkt, aber nicht unerwartet. Nicht die hohen Töne ihrer Stimme, die zu schnell die Lippen verließen, nicht die plötzliche Verletzlichkeit im Grün hinter einer stabilen Fassade, waren mir bekannt. Die Geschichte, diese kleine, atemlose Geschichte war mir vertraut. Sie erzählte sie, die Lider halb geschlossen, nach Halt suchend, an mir vorbei, ins Nichts. Ich sah sie, ihre im schwarzen Samt gehüllte, grazile Figur, der nichtssagende, dominante Ausdruck ihrer Augen, das markante, provozierende Styling der Haare, heute zum ersten Mal, eine Fremde. Die arrogant wirkenden Züge der Wangen wurden weicher, die selbstsichere Mimik der Lippen verschwand, die Gerade in ihrem Rücken verlor mit jedem Satz an Perfektion. Nur die Kälte, und in mir der Reiz, der schon beim zweiten Anblick, aus sicherer Distanz, entstand, blieb vor einer bröckelnden Mauer. Sie sprach teilnahmslos, ruhig, wie man das Unwichtige erklärt, das Entscheidende verschweigt und bestimmend, wie man einem Fremden eine Geschichte erzählt. "Ich komme gerade aus der U-Bahn, nicht vor ein paar Minuten, sondern vor ein paar Tagen, aber mir kommt es vor, hier zwischen den Menschen, neben ihnen, als wäre der Wagon gerade zum Stillstand gekommen. Ich spüre die staubige Luft, die aus den kalten Schächten, durch die Dichtungen der verschlossenen Türen und Fenster, immer näher, an meinen Beinen empor steigt." Sie blickte an mir vorbei, in ihrem Gesicht zeichnete sich ein Ausdruck des Widererkennens, sie grüßte wortlos; ich nahm ein nervöses Zucken ihrer Hand wahr und überlegte, während sie in der ausgeprägt kühlen Art, abwesend in jene Bahn zurückgekehrte, ob ich den Beginn der Geschichte verpasst hatte, ob ich ihr folgen sollte; ich wusste es nicht.
"Ich fahre jede Woche, ich hasste die ersten Monate, die Menschen, die Enge, alles. Irgendwann glaubte ich sie zu kennen, die, die jeden Tag, so wie ich, fahren, fahren, um zur Arbeit zu kommen, fahren, um die Kinder zur Tagesmutter zu bringen, fahren, um den kranken Großvater zu besuchen. Ich glaube, sie alle zu kennen, ihre Gründe zu erahnen, doch schließe ich meine Augen, sehe ich nichts, keine Erinnerung, kein Augenpaar. Inhaltslose Fremde, jeden Tag, so fremd wie ich es bin. In meinen Gedanken stören sie mich nicht, wäre unter ihnen nicht ein Gesicht, banal, ängstlich, erschreckend vertraut, das sich unfreiwillig aufdrängt. Ein vom Alter gezeichnetes, faltiges, auf seine Art zartes, zerbrechliches Gesicht. Er sitzt immer bereits wartend da, dreht den Kopf in meine Richtung, sobald der Fokus seiner Augen mich erblickt, wenden sie sich wieder dem Rot der Betonsteine zu, die, nur Zentimeter vom Fensterglas entfernt, die erdrückende Dichte des Tunnels markieren. Ihn einem Dritten zu beschreiben, fällt mir schwer; einer Freundin beschrieb ich ihn als Figur eines Schwarzweißfilms, einem alten Stummfilm, das gefiel mir. Meine Bekannte sagte süffisant: "Charly Chaplin." Ich erschrak, wollte ihn nicht verletzen. Ich glaube seine Augen sind grün, oft waren sie rot. "Verstehst du mich?" Ich antwortete stumm, sah in ihre Augen, die wirklich aussahen, als wären sie unfähig zu weinen. Ich wünschte ich könnte sie verstehen, ihre kleine Geschichte. Den alten Mann, der seinen Sinn in U-Bahn-Tunnelfugen suchte, kenne ich, sehe ihn ganz deutlich, in subtilen, grauen Farben; sein Name schimmert in Erinnerungen. Das kalte Lächeln, das tränenlose Grün glaubte ich vor Minuten zum zweiten Mal entdeckt zu haben, unmöglich. Der Name ist greifbar nah; ich wollte ihn in ihr dominantes Gesicht sprechen, leise ins Gewissen flüstern, ihn unter die stummen Tränen schieben, in ihrem Anblick langsam buchstabieren; sie verletzen. VERLUST. Sie ist verschwunden, war vielleicht nie hier. 2004Tobias Sommer
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