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U-Bahn-Tunnelfugen

von

Tobias Sommer

 

"Verstehst du mich?"

Diese Frage kam direkt, aber nicht unerwartet. Nicht die hohen Töne ihrer Stimme, die zu schnell die Lippen verließen, nicht die plötzliche Verletzlichkeit im Grün hinter einer stabilen Fassade, waren mir bekannt. Die Geschichte, diese kleine, atemlose Geschichte war mir vertraut.

Sie erzählte sie, die Lider halb geschlossen, nach Halt suchend, an mir vorbei, ins Nichts. Ich sah sie, ihre im schwarzen Samt gehüllte, grazile Figur, der nichtssagende, dominante Ausdruck ihrer Augen, das markante, provozierende Styling der Haare, heute zum ersten Mal, eine Fremde.

Die arrogant wirkenden Züge der Wangen wurden weicher, die selbstsichere Mimik der Lippen verschwand, die Gerade in ihrem Rücken verlor mit jedem Satz an Perfektion. Nur die Kälte, und in mir der Reiz, der schon beim zweiten Anblick, aus sicherer Distanz, entstand, blieb vor einer bröckelnden Mauer. Sie sprach teilnahmslos, ruhig, wie man das Unwichtige erklärt, das Entscheidende verschweigt und bestimmend, wie man einem Fremden eine Geschichte erzählt.

"Ich komme gerade aus der U-Bahn, nicht vor ein paar Minuten, sondern vor ein paar Tagen, aber mir kommt es vor, hier zwischen den Menschen, neben ihnen, als wäre der Wagon gerade zum Stillstand gekommen. Ich spüre die staubige Luft, die aus den kalten Schächten, durch die Dichtungen der verschlossenen Türen und Fenster, immer näher, an meinen Beinen empor steigt."

Sie blickte an mir vorbei, in ihrem Gesicht zeichnete sich ein Ausdruck des Widererkennens, sie grüßte wortlos; ich nahm ein nervöses Zucken ihrer Hand wahr und überlegte, während sie in der ausgeprägt kühlen Art, abwesend in jene Bahn zurückgekehrte, ob ich den Beginn der Geschichte verpasst hatte, ob ich ihr folgen sollte; ich wusste es nicht.

"Ich fahre jede Woche, ich hasste die ersten Monate, die Menschen, die Enge, alles. Irgendwann glaubte ich sie zu kennen, die, die jeden Tag, so wie ich, fahren, fahren, um zur Arbeit zu kommen, fahren, um die Kinder zur Tagesmutter zu bringen, fahren, um den kranken Großvater zu besuchen. Ich glaube, sie alle zu kennen, ihre Gründe zu erahnen, doch schließe ich meine Augen, sehe ich nichts, keine Erinnerung, kein Augenpaar. Inhaltslose Fremde, jeden Tag, so fremd wie ich es bin. In meinen Gedanken stören sie mich nicht, wäre unter ihnen nicht ein Gesicht, banal, ängstlich, erschreckend vertraut, das sich unfreiwillig aufdrängt. Ein vom Alter gezeichnetes, faltiges, auf seine Art zartes, zerbrechliches Gesicht. Er sitzt immer bereits wartend da, dreht den Kopf in meine Richtung, sobald der Fokus seiner Augen mich erblickt, wenden sie sich wieder dem Rot der Betonsteine zu, die, nur Zentimeter vom Fensterglas entfernt, die erdrückende Dichte des Tunnels markieren. Ihn einem Dritten zu beschreiben, fällt mir schwer; einer Freundin beschrieb ich ihn als Figur eines Schwarzweißfilms, einem alten Stummfilm, das gefiel mir. Meine Bekannte sagte süffisant: "Charly Chaplin." Ich erschrak, wollte ihn nicht verletzen. Ich glaube seine Augen sind grün, oft waren sie rot.
In der zweiten Woche wagte ich es, setzte mich auf den Platz neben ihm. Er regte sich nicht, nahm mich scheinbar nicht wahr, den Blick aus dem Fenster, dem grauen Fugenmuster folgend. Er sprach nicht mit mir, jeder Blick führte weg von mir, jede Träne, die ich glaubte zu sehen, formten einen Reiz, den Reiz von Verletzbarkeit. Sein Haar war grau, ein mattes, silbernes Grau, die Falten seiner Haut waren dunkel, zeichneten nicht das Alter, sondern etwas anderes, etwas schlimmeres. Ein schwarzer Mantel, der nach Regen und Erde roch, latent zitternde Finger, die sich in den schmutzigen Polsterritzen der Sitze versteckten. Ein Finger blieb immer sichtbar auf dem Stoff, behutsam; der goldene Ring passte nicht zu der Einsamkeit, die ich in jeder Sekunde neben ihm spürte. Ich verachtete mich; ich wollte nicht seinen Namen wissen, nicht sein Leid teilen, nicht seine Tränen berühren, wollte nur den Grund seiner Trauer wissen, ihn aufsaugen und wie einen Fremden vergessen.
Er weinte, die Tränen zeichneten eine rötliche Spur, teilten das Gesicht wie die Fugen die Tunnelwand; ich hatte noch nie öffentlich geweint. Er weinte, kannte niemanden und doch jeden; er weinte, leise, aber offensichtlich; er weinte, und ich stieg aus, wie immer, wie jeden Tag stieg ich vor ihm aus.
Keine 24 Stunden später sah ich ihn wieder, die gleiche rote Spur auf dem entfärbten Gesicht, den Tunnelblick unmutig ins Nichts gerichtet.
Ich fragte ihn, ob er reden möchte und erschrak, nachdem die Worte meine Lippen zögernd, freiwillig und doch ungewollt verlassen hatten. Er sah mich mit seinen eisgrauen Augen erstaunt an, zog ruckartig seine faltigen, blassen Hände unter seinen mageren Oberschenkeln hervor. Er sprach mit der Gestik seines klobigen, markanten Daumens, der die unsichtbare Gravierung des Ringes verfolgte, die Worte neu schrieb, in meiner Sprache oder einer Sprache, die jeder versteht. Er weinte, das gleiche gebrochene, aufgebende Weinen, das ich bereits kannte, und zwischen seinen Versuchen, die stickige Luft einzuatmen, sprach er etwas. Die Tränen betäubten seine Kehle, drückten auf die schwache Stimme, die die Worte, in einer fremden Sprache, behutsam formten. Die Sätze kamen nicht an, aber ich hatte bereits verstanden; ich nickte und stieg aus, wie immer stieg ich vor ihm aus. Ich stieg aus, drehte mich um; er hatte seinen Kopf wieder zum Fenster gedreht. Ich wusste, dass sein Blick in das Labyrinth der Fugen durch die endlosen Gänge, in einem sinnlosen Weg, vertieft war. Ich stieg aus, ließ ihn zum letzten Mal zurück."

"Verstehst du mich?"

Ich antwortete stumm, sah in ihre Augen, die wirklich aussahen, als wären sie unfähig zu weinen. Ich wünschte ich könnte sie verstehen, ihre kleine Geschichte. Den alten Mann, der seinen Sinn in U-Bahn-Tunnelfugen suchte, kenne ich, sehe ihn ganz deutlich, in subtilen, grauen Farben; sein Name schimmert in Erinnerungen. Das kalte Lächeln, das tränenlose Grün glaubte ich vor Minuten zum zweiten Mal entdeckt zu haben, unmöglich. Der Name ist greifbar nah; ich wollte ihn in ihr dominantes Gesicht sprechen, leise ins Gewissen flüstern, ihn unter die stummen Tränen schieben, in ihrem Anblick langsam buchstabieren; sie verletzen. VERLUST. Sie ist verschwunden, war vielleicht nie hier.

2004

Tobias Sommer